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Die labile Ehe

Fast alle Frauen und Männer, welche Erfahrungen mit eigenen sexuellen (längeren) Paarbeziehungen haben machen können, würde den nichtehelichen sexuellen Paarbeziehungen eine größere Labilität unterstellen als den ehelichen Paarbeziehungen. Diese Vorstellung, dieser Inhalt des Massenbewusstseins müsste jedoch erst noch empirisch überprüft werden. Die Ehen selbst weisen aber schon eine ganz beachtliche empirische Labilität auf, welche sich an den Scheidungsraten auch nachweisen lässt: In Deutschland werden etwa 35 % aller Ehen geschieden (in den USA etwa 60 %). Die Scheidungsraten der jeweils zweiten und weiterer Ehen sind noch höher als die der ersten Ehen. Ob das massenweise tendenzielle Ausweichen auf – oder Aufgreifen von – nichtehelichen sexuellen Paarbeziehungen als Alternative zur Ehe selbst erstrangiger Ausdruck dieser Labilität ist, oder ob die Labilität der Ehen als kulturelles Phänomen auf die Verfassung der nichtehelichen Paarbeziehungen zurückwirkt (oder während  einer ganzen historische Epoche bereits zurückgewirkt hat), ob also die Krise der Ehe wie eine kulturelle Welle alle sexuellen Paarbeziehungen in Labilität und krisenhafte Entwicklungen hineingerissen hat, ist meines Wissens nach bisher nicht wissenschaftlich reliabel gemacht worden.

Dass die – eheliche oder nichteheliche – sexuelle Paarbeziehung eine grössere
Labilität und Krisenhaftigkeit angenommen hat, lässt sich auch an der Ausbreitung eines umfangreichen Paarberatungs- und Sexualtherapie-Angebots, wie auch an der explosionsartigen Ausbreitung einer entsprechenden psychologischen und sexuellen Beratungsliteratur festmachen. Ein weiterer Ausdruck dieses Phänomens könnten auch die sogenannten Singlebörsen sein. Trotz dieser Bezeichnung scheint es bei diesen „Singlebörsen“ nicht etwa vorwiegend um die Organisation von Sexualität für Singles zu gehen, sondern um die Organisation von langfristigen oder jedenfalls längerfristigeren sexuellen Paarbeziehungen, also sozusagen um die Überwindung des Single-Daseins.

Selbst in sexuellen Subkulturen, wie z.B. der (heterodominierten) SM-Szene, lässt z.B. ein auch nur oberflächlicher Blick in entsprechende Internetforen oder auf Kontaktanzeigen schon erkennen, dass es nicht vorwiegend um die Organisation von Sex geht; dies lässt sich dort eher relativ einfach realisieren. Sondern es geht um das Ringen um längerfristige sexuelle Paarbeziehungen: Sowohl das Erringen solcher Beziehungen, als auch deren langfristige Aufrechterhaltung scheint das eigentliche Problem zu sein. Jedenfalls auch hier (wo man es so vielleicht gar nicht unbedingt erwarten hätte müssen) werden hauptsächlich sogenannte Liebesbeziehungen gesucht – wie in der Mainstream-Welt auch.

All diese Hinweise deuten nicht so sehr auf Schwierigkeiten bei der Organisation von sexueller Aktivität hin, sondern ganz zweifellos auf Komplikationen bei der Erringung und Aufrechterhaltung einer längerfristigen sexuellen und emotionalen Paarbeziehung. Instabilität von Ehen und langfristigen Paarbeziehungen sind ein Symptom für die Instabilität der Lebensverhältnisse in unserer Zeit. Falls wir von der Voraussetzung ausgehen können, dass die Krise der Ehen die Krise langfristiger sexueller Paarbeziehungen überhaupt evoziert und produziert hat, dann stellt sich natürlich die Aufgabe diesen Prozess der Labilität der Ehe zu beschreiben. Falls wir andererseits davon ausgehen müssten, dass das Problem im Charakter der Organisation von emotionaler und sexueller Beziehungsstabilität überhaupt liegt – unabhängig von ihrer institutionellen Form – wird der Prozess zu erklären sein, warum sehr viele Menschen auch ausserhalb oder unabhängig von Ehen oder eheähnlichen Beziehungen, ihren Lebenspartnerschaften keine dauerhafte Stabilität abringen können.

Obwohl hier zwei voneinander zu differenzierte  Fragestellungen vorliegen (Instabilität der Institution Ehe oder Krisenhaftigkeit jeder langfristiigen sexuellen Beziehung), könnten diese problematischen Vorgänge doch möglicherweise mit dem gleichen Prozess beschrieben werden. Die Ehe, die historisch keineswegs hauptsächlich auf eine emotionale und sexuelle Beziehung gegründet war, wird gerade auf diese Elemente (alleine?) rückverwiesen, sie wird entökonomisiert und institutionell gelockert, sodass die Form der Ehe operationalisierbar wird zu einem (von vorneherein begrenzten?) Vertragsgeschehen, vielleicht sogar teilweise zu einer Art Gesellschaftsspiel (wie insbesondere in den USA). Die nichteheliche sexuelle und emotionale Paarbeziehung, die „Liebesbeziehung“, wird umgekehrt mit der gesamten Realität des flexibilisierten Lebens belastet. In beiden Fällen haben wir die Tendenz, heute alles von einer Person zu verlangen: Liebe, Emotionalität, Sexualität, Solidarität, Lebensgemeinschaft, die sichere persönliche Beziehung in einer flexiblen, unsicheren, entpersönlichten Lebensrealität, ein stabilisierter Bezugspunkt in einer instabilen Welt. Diese Art von Monogamie steht unter einem Überdruck.

Selbst dort, wo die Ehe möglicherweise noch eine ökonomische Funktion mitzuerfüllen scheint (z.B. bei Ehepartnern mit gemeinsamer Firma, Unternehmer-Ehen etc.), wird diese Ehefunktion ideologisch dissoziiert: Die im Massenbewusstsein festverfügte Vorstellung „dass man nicht wegen dem Geld (alleine) heiratet“ wird bei der Nichterfüllung emotionaler und/oder sexueller Bedürfnisse diese Ehe scheitern lassen. Paradoxerweise wird dann die wirtschaftliche Funktion auf die geschiedene, ehevertraglich bewehrte Ehe verwiesen: Die gescheiterte Ehe erfüllt dann die wirtschaftliche Funktion, die die  Ehe erfüllen sollte. Möglicherweise erfüllt die gescheiterte Ehe diese wirtschaftliche Funktion dann besser als die Ehe vorher selbst.